Zeer 2.0: 3D-gedruckte Ton-Module als stromlose Kühlschränke für die Küche

Zeer 2.0: 3D-gedruckte Ton-Module als stromlose Kühlschränke für die Küche

Lebensmittel kühlen ohne Strom – geht das in einer modernen Küche? Ja: Kapillaraktive, 3D-gedruckte Ton-Module nutzen Verdunstungskälte wie ein Zeer-Pot, passen in einen 60-cm-Unterschrank und halten Obst, Wurzelgemüse oder Käse länger frisch. In Haushalten, in denen Kühlgeräte bis zu 10 % des Stroms verbrauchen, kann das saisonal spürbar entlasten.

Was ist ein Ton-Kühlmodul?

Ein Ton-Kühlmodul ist ein poröses, wasseraufsaugendes Keramikelement, das kontinuierlich Feuchtigkeit aus einem kleinen Tank an die Oberfläche leitet. Verdunstet Wasser an der Oberfläche, entzieht es der Umgebung Wärme – die Innenseite bleibt kühler. Anders als der Tontopf-Klassiker ist die Küchenversion flach, modular und hygienisch, mit austauschbaren Einsätzen und Lüftungskanälen.

Prinzip der Verdunstungskühlung in Kürze

  • Kapillarporen im Ton saugen Wasser an die Oberfläche.
  • Beim Verdunsten wird Verdunstungsenthalpie aufgenommen – die Tonwand kühlt ab.
  • Innen bildet sich ein kühleres Mikroklima; die Luftfeuchte steigt moderat an.

Aufbau und Maße eines 60-cm-Küchenmoduls

  • Gehäuse: 3D-gedruckter, offenporiger Ton (Porosität 18–22 %), Wandstärke 10–12 mm
  • Front: perforierte Keramiklamellen mit Coanda-Führung für leisen Luftzug
  • Wasserpfad: Kapillarvlies aus Zellulose, 2 L Tank, Nachfüllstutzen in der Arbeitsplatte
  • Einsätze: lebensmittelechte Schalen (Edelstahl/Steingut), abnehmbar, spülmaschinengeeignet
  • Abmessungen: 598 × 560 × 720 mm (B × T × H) als Unterschrank-Insert
  • Option: Passiver Kamineffekt durch rückseitigen Warmluftauslass

Leistung: Wieviel Kühlung ist realistisch?

Die erreichbare Temperatur hängt von der Differenz zwischen Trocken- und Feuchtkugeltemperatur ab. Praxiswert: Innen liegen 1–2 K über der Feuchtkugeltemperatur.

  • Beispiel A: 26 °C, 40 % r. F. → Feuchtkugel ca. 18 °C → Innen 19–20 °C
  • Beispiel B: 30 °C, 60 % r. F. → Feuchtkugel ca. 24 °C → Innen 25–26 °C
  • Wasserverbrauch: 0,3–0,8 L pro Tag, abhängig von Klima und Beladung

Bestens geeignet sind Übergangszeiten, kontinentale Sommer und mediterrane Abende. In sehr feuchten Tropen sinkt der Kühlvorteil; dann dient das Modul vor allem der schonenden Lagerung bei leicht gesenkter Temperatur und erhöhter Luftfeuchte.

Welche Lebensmittel profitieren?

Lebensmittel Optimale Lagerung im Ton-Modul Hinweis
Wurzelgemüse (Karotten, Rote Bete) 12–18 °C, hohe Luftfeuchte Sand- oder Tuchbett gegen Austrocknung
Tomaten, Zucchini 14–20 °C Intensiveres Aroma als im Kühlschrank
Hartkäse 10–16 °C Abgedeckt lagern; wöchentlich Tücher wechseln
Obst (Äpfel, Birnen) 8–16 °C Äpfel getrennt lagern (Ethylengas)
Frische Kräuter 12–18 °C, feucht Stiele in feuchtes Tuch, nicht im Wasser

Nicht geeignet: rohes Fleisch/Fisch, empfindliche Milchprodukte oder offene Speisereste.

Integration in die Küche

Schranklösung ohne Strom

  • Einbau als Unterschrank-Insert in 60 cm Raster
  • Frontlamellen sorgen für Zugluft; Rückseite mit passiver Kamineffekt-Öffnung
  • Nachfüllstutzen dezent in der Arbeitsplatte; Tropfwanne mit Überlaufindikator
  • Optional: Türsensor meldet via Smart-Home Füllstand und Reinigungsintervalle (batterielos e-Paper-Tag)

Hygiene & Pflege

  • Tägliches Ritual: Tank mit Trinkwasser auffüllen, Front abwischen
  • Wöchentlich: Kapillarvlies in 3 % Zitronensäurelösung 30 min einlegen, gut spülen
  • Monatlich: Einsätze auskochen oder spülmaschinenreinigen
  • Tonoberfläche nicht glasiert lassen – Poren brauchen freie Verdunstung

DIY – Bau eines 2-Modul-Setups

Materialliste

  1. 2 × 3D-gedruckte Ton-Module 300 × 560 × 360 mm
  2. Kapillarvlies (Zellulose) 2 m
  3. Edelstahl-Einsätze GN 1/2 tief
  4. Wassertank 2 L mit Rückschlagventil
  5. Kork- oder Silikon-Entkopplungsmatten
  6. Zitronensäure, Lebensmittelthermometer, Hygrometer

Schritt-für-Schritt

  1. Unterschrank ausräumen, Rückwand 80 × 200 mm Schlitz für Konvektion aussägen
  2. Entkopplungsmatten einlegen, Module ausrichten (5 mm Dehnfuge)
  3. Vlies in den Wasserkanal führen, Tank anschließen, Dichtigkeit testen
  4. Einsätze einsetzen, Tür mit 5 mm Spalt oder Lamellenfront montieren
  5. Probe: 24 h Test mit Thermo-/Hygrometer, Wasserbedarf notieren

Bauzeit: ca. 90 min, Kosten: 280–450 € je nach Druckdienst und Oberfläche.

Pro / Contra im Alltag

Aspekt Pro Contra
Energie Stromfrei, Geräuschlos Wirksamkeit klimaabhängig
Lebensmittelqualität Schonende Feuchte, besseres Aroma Nicht für kritische Kühlkette geeignet
Wartung Einfache Reinigung, wenige Teile Regelmäßiges Nachfüllen nötig
Design Natürliche Haptik, Warmton Ton kann patinieren, Flecken möglich
Kosten Geringe Betriebskosten Anschaffung höher als Kunststoffboxen

Fallstudie: Stadtwohnung, 8 m² Küche, Sevilla

  • Setup: 2 Module übereinander, 3 L Tank gesamt
  • Sommerbetrieb (Juni–September): Außentemp. 28–34 °C, 40–55 % r. F.
  • Innenwerte: 19–23 °C in den Morgen-/Abendstunden, 24–26 °C an feuchten Tagen
  • Verbrauch: 0,6 L Wasser/Tag
  • Lebensmittel: Tomaten +3 Tage, Kräuter +4 Tage, Hartkäse stabil, Blattgemüse kaum Vorteil

Smart Home, aber low-tech

  • Sensorik: Mini-Logger für Temperatur/Feuchte im Modul (Bluetooth), Push bei Reinigungsintervall
  • Automatik: Fensterkontakt koppelt Abendlüftung, um die Verdunstungsleistung zu steigern
  • PV-Integration: Optionaler Mikro-Lüfter (0,6 W) nur bei PV-Überschuss für Luftaustausch

Stilwelten: Vom Landhaus bis Minimal

Die Keramik lässt sich pigmentieren (Terracotta, Elfenbein, Graphit) oder mit zarten Rillen fräsen. Lamellenfronten spielen mit Licht und Schatten; Griffe aus geölter Eiche oder flächenbündig für puristische Küchen.

Ökologie & Ressourcen

  • Material: Ton, Wasser, Zellulose – vollständig recycel- bzw. mineralisierbar
  • Graue Energie: deutlich niedriger als bei Kompressorkühltechnik
  • Wasser: Leitungswasser genügt; Regenwasser nur gefiltert und gekocht

Kosten & Verfügbarkeit

  • 3D-Druck bei lokalen Keramikstudios oder spezialisierten Dienstleistern
  • Preisrahmen: 140–220 € pro Modul, Einsätze 15–30 €
  • Ersatzteile: Vlies < 5 € pro Meter, Dichtungen Standardware

Feintuning für maximale Wirkung

  • Nachtlüftung nutzen: Türen/Fenster offen, Module ziehen tiefgekühlte Luft an
  • Schatten sichern: Kein direktes Sonnenlicht auf die Front
  • Beladung klug wählen: Feuchtsensible Ware oben, robuste unten

Ausblick: Biochar-Ton und antimikrobielle Oberflächen

  • Biochar-Zusatz erhöht Porensteuerung und reduziert Gerüche
  • Silberfreie Glasuren nur an Innenkanten für leichtere Reinigung, Außen weiterhin offenporig
  • Modulare Ethylen-Filter für Obstschubladen in Planung

Fazit: Ein stiller Kühlpartner für die Küche

3D-gedruckte Ton-Kühlmodule sind kein Ersatz für den Kühlschrank – aber sie entlasten ihn gezielt und verbessern die Lagerqualität vieler Zutaten. Wer saisonal kocht, Aromaverlust vermeiden und Strom sparen will, bekommt mit Zeer 2.0 ein robustes, schönes und nachhaltiges Werkzeug.

Start-Tipp: Teste ein einzelnes Modul im Sommer, logge Temperatur/Feuchte eine Woche und entscheide dann über den Ausbau. So findest du die ideale Größe und Routine.